Denken, Lernen, Vergessen.
Mit einem Vorwort des Verfassers. Was geht in unserem Kopf vor, wie lernt das Gehirn, und wann läßt es um im Stich? Mit Glossar. Mit Anmerkungen und Register. - (=dtv 1327 : Sachbuch).

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Buchbeschreibung
München, Deutscher Taschenbuch-Verlag, 1980.
6., überarbeitete Auflage. 111. - 130. Tausend.
19 cm. Taschenbuch. Kartoniert. 189 (3) Seiten mit Illustrationen und graphischen Darstellungen. Umschlaggestaltung: Celestino Piatti.
ISBN-10: 3423013273 (3-423-01327-3)
ISBN-13: 9783423013277 (978-3-423-01327-7)
Guter Zustand. Dieses Buch gehört eindeutig zu den Klassikern populärwissenschaftlicher Werke über die Gehirnforschung Das Gehirn des Menschen ist das Organ, über das am wenigsten gewußt wird, das am wenigsten verstanden ist. Der durch zahlreiche wissenschaftliche Fernsehreihen bekannte Biochemiker und Fachmann für Umweltfragen Frederic Vester beginnt seinen Exkurs somit auch bei den anatomischen und biochemischen Grundlagen des Denkens. Die Lektüre macht deutlich, wie bedeutsam Struktur und Entwicklung der "Hardware" unseres Verstandes sind. Welche Bedeutung hat beispielsweise die frühkindliche Prägung auf die langfristige Verschaltung von Nervenzellen? Wie funktioniert das Speichern im Kurz- und Langzeitgedächtnis, wie kann ein Lehrer das Lernvermögen eines Schülers beeinflussen, warum gibt es nach einem Unfall oft eine Erinnerungslücke? In seiner für ihn typischen Art fesselt Frederic Vester den Leser, indem er graue Theorien in anschauliche Beispiele kleidet. Interessant ist dabei das enge Beieinander einfachster Steuerung und höchster Individualität. Während ein erotischer Augenblick beispielsweise eine ziemlich absehbare Aktivierung von Hormonen auslöst, so ist andererseits Lernfähigkeit und -verhalten von Mensch zu Mensch höchst unterschiedlich. Am Ende des Buches finden sich dazu eine Reihe von professionellen Tests, die zum einen das eigene Lernen optimieren helfen, zum anderen einen Einblick in die Lern- und Denkfunktionen beim "Abspeichern" ins Gedächtnis geben. Wer also mehr über sein Gehirn wissen will, wie es denkt, lernt und vergißt, der wird hier ein allgemein verständliches und sehr fundiertes Werk vorfinden. Am Ende der Lektüre wird er um einiges klüger sein und vielleicht gelingt es ihm, mit seinem neu erworbenen Wissen, mehr zu denken und zu lernen und dabei weniger zu vergessen. --J. Schüring "Ein Problem isoliert zu betrachten hat keinen Sinn. Man muß immer die Zusammenhänge mit einbeziehen, um zu einer zukunftsorientierten Lösung zu gelangen. Das gilt für medizinische Fragen genauso wie für die Architektur oder Aspekte der Unternehmensführung", betont Frederic Vester. Womit sein wissenschaftlicher Ansatz - die Ganzheitlichkeit - beschrieben wäre. "Auf der Ebene der Entscheidungsträger stößt diese Art des Denkens, so Vester weiter, "oft auf Unverständnis. So mußte die Einsicht in die Notwendigkeit, anders an Probleme heranzugehen als bisher, meist erst geweckt werden." Vor diesem Hintergrund war es nur folgerichtig, daß der Biochemiker 1993 in den Club of Rome aufgenommen wurde. Der 1925 in Saarbrücken geborene Vester nahm ein Stipendium aus dem Kreis der Verwandtschaft wahr, als er sein Chemiestudium begann. Weil es in Deutschland 1946 noch keine Experimentiermöglichkeiten gab, wechselte er nach zwei Semestern in Mainz die Universität und zog nach Frankreich, um an der Pariser Sorbonne sein Studium abzuschließen. Seinen Unterhalt besserte er mit Akkordeon- und Gitarrespielen auf. Vester promovierte 1953 in Hamburg "mit Mühe und Not" mit einer Arbeit über bakterielle Farbstoffe. Weil seine Mutter an Krebs litt, widmete Vester sich am Institut für experimentelle Krebsforschung in Heidelberg der Erforschung dieser Krankheit. Seine systemische Herangehensweise sei damals "komplett ketzerisch" gewesen. Es folgten Forschungsaufenthalte an der Yale University in New Haven, USA, und Cambridge, England. Doch weder dort noch an den amerikanischen Atomforschungszentren Oakridge und Brookhaven konnte er seine Vorstellungen von einer fachübergreifenden Erforschung der Lebensvorgänge hinreichend verwirklichen. Zurück in Deutschland wurde er 1958 zunächst Assistent, dann Lehrbeauftragter für Biochemie an der Universität Saarbrücken. Seine Habilitationsschrift erhielt er mit der Bitte, sie weiter auszuführen, zurück. Die erweiterte Version, die Untersuchungen aus verschiedenen Disziplinen bis hin zu philosophischen Überlegungen enthielt, wurde, weil es weiterhin Kritiker in der Fakultät gab, nach und nach zwölf weiteren auswärtigen Gutachtern vorgelegt, von denen sich elf positiv äußerten. Trotz dieses Votums wurde die Habilitation verweigert. Als Vester einen der Gutachter per Zufall kennenlernte und so erst von dem Verfahren erfuhr, war bereits mehr als ein Jahr verstrichen und der Rechtsweg versperrt. Dr. habil. wurde er fünf Jahre später als erster Habilitant der neu gegründeten Universität Konstanz, die ein Signal gegen die "Ungeheuerlichkeit des Saarbrücker Verfahrens" setzen wollte. Doch zuvor hatte ihn die Saarbrückener Universität 1965 auf die Straße gesetzt. Denn nachdem Vester, so der Senat der Universität des Saarlandes, "die hervorragenden Leistungen des (Saarbrückener) Universitätssystems in Zweifel zog", wurde sein Vertrag nicht mehr verlängert. Kurioses Happy End: Fünfundzwanzig Jahre später erhielt er in Anwesenheit von Universitätsvertretern den Saarländischen Verdienstorden "in Anerkennung seiner besonderen Verdienste für das Saarland" überreicht. Damals jedoch sagte er seiner Heimat ade und zog mit seiner Familie nach München, wo er vier Jahre am Max-Planck-Institut für Eiweißforschung eine eigene Arbeitsgruppe für Krebsforschung leitete. Er war von der Hoffnung geleitet, dies ohne bürokratischen Apparat tun zu können. Doch bald stand er vor der Entscheidung, "den Systemgedanken zu vergessen und wissenschaftlich 'exakt', das heißt in einem spezifischen Fachgebiet, zu arbeiten oder aber ständig Vorwürfe zu ernten, die sich auf mein Vorhaben, unterschiedliche Fachbereiche zu verbinden, bezogen." Das Ergebnis seiner persönlichen und wissenschaftlichen Zukunftsplanung war die Gründung der unabhängigen Studiengruppe für Biologie und Umwelt GmbH, die er seither leitete. Seit 1970 wurden dort Systemzusammenhänge auf dem Gebiet der Biokybernetik erforscht und Strategien in den verschiedensten Bereichen entwickelt. Vester über die Zeit nach Gründung der Studiengruppe: "Das war zu Beginn schon recht schwierig, wir mußten einen größeren Kredit aufnehmen, ein Schweizer Bankier half uns mit einem zinslosen Darlehen, das wir mit Beratungen und Gutachten zurückzahlten. Aber es hat sich gelohnt. Endlich war es möglich, wirklich fachübergreifende Forschung zu betreiben, wobei die Quelle, aus der ich schöpfte, immer die Molekularbiologie und die Biokybernetik geblieben ist." In der Zellforschung, so Vester, gebe es sozusagen "hautnahen Kontakt zu den Organisationsformen lebender Systeme", beispielsweise Analogien zu Ökosystemen, aber auch zur Wirtschaft, zum Verkehr, zur Technik. Um den Systemansatz jederzeit überprüfen zu können, legte Vester großen Wert auf die Arbeit in der Praxis. So hat er beispielsweise von 1961 bis 1971 die radiobiochemischen Kurse am Kernforschungszentrum Karlsruhe, wo er Gastdozent war, mit aufgebaut. Von 1974 an war er für vier Jahre Präsident des Bayerischen Volkshochschulverbandes. Darüber hinaus ist er Gründungspräsident der Deutschen Energiegesellschaft. 1981 wurde er Ordinarius für Interdependenz von technischem und sozialem Wandel an der Universität der Bundeswehr in München und blieb das, obwohl er sich als "Antimilitarist" bezeichnete, bis 1989. Es folgten zwei Jahre als ständiger Gastprofessor für Betriebswirtschaft an der Hochschule St. Gallen und immer wieder Tätigkeiten als Fachbeirat und Kuratoriumsmitglied verschiedener Gesellschaften und Institutionen. Auf den ersten Blick schien Frederic Vester in einem wesentlichen Punkt mit der Politik des Club of Rome über Kreuz zu liegen: Er war der Ansicht, daß es nicht möglich ist, Prognosen über längere Zeiträume zu erstellen. "Zukunftsgerichtete Strategien für Unternehmen können niemals auf der Grundlage von Hochrechnungen entwickelt werden", sagte er einmal. "Jedes System hat nur einen kurzen definierten Zeithorizont, innerhalb dessen es sich wie eine Maschine verhält, Prognosen lassen sich nur für diesen Zeitraum erstellen", so der Kybernetiker. "Beim Wetter wären das wenige Stunden, bei einer Firma acht Tage, bei einer anderen vielleicht ein paar Wochen. Alles was über diesen Punkt hinausgeht, ist reine Spekulation. Auch ist die Annahme irrig, der Zeitraum sei erweiterbar, wenn man nur genauer arbeitet und entsprechend mehr Daten zur Verfügung hat." Tatsächlich hatte er aber schon lange vor seiner Aufnahme in den Club of Rome Kontakt zum wissenschaftlichen Leiter der Zukunftsstudie Die Grenzen des Wachstums, Dennis Meadows, aufgenommen. Meadows bezeichnete das von Vester entwickelte Simulationsspiel "Ökolopoly" als eine der besten Möglichkeiten, grundlegende Prinzipien über das Verhalten von Systemen zu vermitteln. Meadows empfand, das ließ er Vester wissen, seine Systems Dynamics Modelle a priori falsch verstanden, wenn sie als Zukunftsvoraussagen interpretiert werden, anstatt als Wenn-dann-Prognosen. Frederic Vester wiederum hielt sie in dieser Form für ein äußerst wichtiges Instrument, um davor zu warnen, was passieren könnte, wenn wir unser Verhalten in vielen Bereichen nicht einschneidend ändern. "Die Optimierung der Überlebensfähigkeit ist ein wichtiges Prinzip der Natur", betonte Vester. Den Schwerpunkt seiner Club of Rome-Mitarbeit legte er daher auf den Systemansatz und "die neuen Möglichkeiten, mit 'unscharfer Logik' Komplexität besser zu erfassen." Und "wieder mehr Publizistik", meinte er "täte dem Denkerzirkel auch nicht schlecht, weil es schließlich um die Schaffung von Bewußtsein geht, wenn unsere Zivilisation durch Destruktion der sie tragenden Ökosysteme nicht wie ein Krebsgewebe scheitern soll, das mit dem Wirt auch sich selbst vernichtet." So lag es nahe, daß er sein 1999 erschienenes Buch Die Kunst, vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge für einen neuen Umgang mit Komplexität um neue Kapitel und Fallstudien zur Komplexität der Genmanipulation, Kernenergie, kybernetischer Medizin und Terrorprävention erweiterte, so daß es im Frühjahr 2002 als Bericht an den Club of Rome erschien. Es wurde vom deutschen Buchhandel zum "Sachbuch des Monats" gekürt. Inzwischen haben Konzerne wie IBM und Siemens Vesters Methoden teilweise übernommen, hat die Wirtschaftshochschule in Köln ein biokybernetisches Controlling entwickelt. Daimler-Benz, die Hoechst AG, Sachversicherungen, Ministerien und immer mehr Universitätsinstitute arbeiten mit dem von Frederic Vester entwickelten Sensitivitätsmodell, einem computergestützten Instrumentarium für den Umgang mit komplexen Systemen. Dennoch ist die Studiengruppe für Biologie und Umwelt nie über zehn Mitarbeiter hinaus gewachsen und arbeitet im Bedarfsfall mit freien Mitarbeitern zusammen. Hauptkriterium für die Übernahme von Aufträgen: "Sinnliche Bejahung des Lebens." Und sein eigenes Leben? - Wochenende und Urlaub im eigentlichen Sinne sind Begriffe, die Frederic Vester nicht kannte - Arbeit, Leben, Liebe, Erholung, unterstrich er, waren bei ihm zu einer Einheit des Daseins integriert. Seine Kraftquelle sei der "ungeheure Spaß" gewesen, den ihm auf der einen Seite die Arbeit bereitete. Und auf der anderen Seite seine Familie, zu der auch einige Enkel gehören. Berufliche Entscheidungen betreffend war seine Frau sein wichtigster Berater. Vester: "Zusammen treiben wir Yoga, sind vom Auto aufs Fahrrad umgestiegen, schwimmen täglich, saunieren und sind viel mit unseren Kindern - die beiden Töchter sind Schauspielerinnen, der Sohn ist Musiker - zusammen. Das hält den Geist jung." Mit Blick auf die wichtige Bewußtseinsbildung arbeitete Vester intensiv als Publizist. Er hat nicht nur zahlreiche Bücher geschrieben, sondern auch Wanderausstellungen konzipiert. Für den Fernsehfilm Denken, Lernen, Vergessen wurde Frederic Vester 1974 mit dem Adolf Grimme-Preis ausgezeichnet. Er erhielt zahlreiche weitere Ehrungen. Frederic Vester hat bis zuletzt wissenschaftlich gearbeitet. Er starb in der Nacht zum 2. November 2003 an den Folgen einer schweren Krankheit. Jürgen Streich.
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